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Tagebuch einer Lehrerin

Darüber, was diesen wunderschönen Beruf so schwierig macht

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Wie mein ADHS-Schüler es schaffte, sich zu konzentrieren

Posted on August 2, 2023August 4, 2023 by Frau K.

Für den Titel musste ich ein bisschen in die Journalisten-Trickkiste greifen: ADHS ist ein Schlagwort, das Aufmerksamkeit auf sich zieht und genau das wollte ich. Es handelt sich bei diesem Beitrag nämlich um ein Herzensthema: Um die Arbeit mit den Emotionen und der Energie der Schüler*innen. Das tut allen gut, doch gerade ADHS-ler benötigen dies besonders. Unter ADHS fasse ich hier salopp alle meine Schulkinder zusammen, die mit überbordenden Emotionen und Konzentrationsschwierigkeiten zu kämpfen haben – und das sind leider so einige, in meiner Klasse fast die Hälfte.

Eine kleine Notiz am Rande zur Diagnose ADHS: Neulich habe ich im Rahmen einer Abklärung eines Schulkindes erfahren, dass emotionale Schwierigkeiten zuhause eine ähnliche Symptomatik auslösen können wie ADHS. Grundsätzlich staune ich immer wieder, wie viele offene Fragen es um diese Diagnose herum gibt, die ja so verbreitet ist.

Jetzt aber zum Kernthema, den Entspannungsübungen.

In meinem vorherigen Beitrag habe ich angeteasert, «Unglaubliches» erlebt zu haben, als ich angefangen habe, die Übungen zu machen, die ich in einem Kurs gelernt habe. Hier führe ich nun aus, was ich genau gemacht habe und welche Veränderungen ich bei den Kindern erlebt habe. Bist du selbst Lehrperson und überlegst dir, ebenfalls was Richtung Energie-Arbeit zu machen, liest du am besten den ganzen Beitrag. Möchtest du einfach wissen, was ich erlebt habe, kannst du zum unteren Titel scrollen.

Was ich gemacht habe:

  • Die Weiterbildung, die ich besucht habe, heisst «Fortbildung Kinder Yoga Nidra» bei der Yogalehrerein Eliane Mathys. Ich habe jedoch nicht genau diesen Kurs gebucht, sondern eine 1:1-Sitzung bei Eliane, weil ich einiges an Vorwissen zum Thema hatte und spezifische Fragen und Wünsche hatte.

  • Zu den Rahmenbedingungen: Ich unterrichte eine 2. Klasse in der Zürcher Agglomeration, folgende Übungen passen super in die Unterstufe, für die Mittelstufe müsste man vielleicht einige Dinge anpassen.

  • Eliane hat mir zuerst Übungen gezeigt, mit denen die Kinder ihre Energie rauslassen können. Die für mich einfachste Übung, die auch unglaublich gut ankommt, ist der «Holzhacker». Dabei «hacken» die Kinder mit ihren Händen, die sie verschränken, von oben nach unten und lassen dabei ein lautes, tiefes «HA» heraus. Das machen wir dreimal alle zusammen, worauf wir uns ein bisschen schütteln. Dann frage ich die Kinder, ob sie es nochmals brauchen oder ob es reicht. Meist wollen sie noch mehr :-).

  • Eine weitere Übung, die ich dazugenommen habe, ist simpel und doch unglaublich effektiv: Wir gehen raus, in ein angrenzendes Wäldchen, und schreien zusammen. Das habe ich kurz vor den Sommerferien gemacht, weil es immer mehr Spannungen gab zwischen den Jungs und ich das Gefühl hatte, dass diese Spannung irgendwie rausmuss.

  • Der Kern der Weiterbildung ist eine Audio-Datei mit einer Körperreise (auch Yoga Nidra genannt). Eliane stellt drei verschiedene Audios zur Verfügung, für verschiedene Altersgruppen. Es handelt sich um den «Baum» für Kindergarten und Unterstufe, den «Schmetterling» ebenfalls für die Unterstufe und «die goldene Blume» für Mittel- und Oberstufe. Man kann die einzelnen Dateien hier erwerben (unbezahlte Werbung). Ich habe bis jetzt nur die Baum-Übung gemacht. In dieser Audio-Datei werden die Kinder zum Baum, die Wurzeln entsprechen ihren Beinen und Füssen, die Äste den Armen und Hände. Den meisten Kindern war das intuitiv klar, nur einem Kind mit enormen Sprachschwierigkeiten musste ich das nochmals ganz explizit erklären. Diese Körperreise hat das Ziel, dass die Kinder mehr bei sich ankommen, indem sie an verschiedene Teile ihres Körpers denken. Zudem regt es die Fantasie an, da sie sich ihren eigenen Baum vorstellen, z.B. welche Farbe die Blätter und Früchte haben.

  • Bevor ich das Audio abgespielt habe, war einiges an Vorbereitung und Vorarbeit nötig. Zur Vorbereitung: Ich habe auf Anraten von Eliane Yoga-Matten besorgt (wir hatten zum Glück welche zur Verfügung im Schulhaus) und die Kinder von Zuhause eine Kuscheldecke mitbringen lassen. Ich habe die Eltern informiert, was wir machen und dabei den Begriff Entspannungsübung statt Yoga Nidra verwendet, um allfälligen religiösen Bedenken den Wind aus dem Segel zu nehmen. Wem dies zuviel Aufwand ist: Ich denke es geht auch ohne. Die Matten machen es nicht wirklich bequemer, doch die Kinder haben daruch eine Abgrenzung, was dazu beiträgt, dass sie bei sich bleiben können.

  • Zur Durchführung: Bei der ersten Durchführung bin ich ein wenig anders vorgegangen als danach. Es war mir wichtig, die Neugierde und Lust der Kinder zu wecken und möglichst spielerisch ans Thema zu gehen. Ich habe die Matten in einem Kreis ausgebreitet und mir vorher überlegt, wo welches Kind sitzen wird, damit sie sich möglichst wenig gegenseitig ablenken. In der Mitte des Kreises kommt eine Kerze und ein Flakon mit «Baum-Duft» (Mandelöl mit ein paar Tropfen Weisstannen-Öl), von dem die Kinder am Schluss einen Tropfen auf die Hande bekommen, wenn sie wollen. Für die erste Session sind wir in den Wald gegangen und haben dort Dekoration gesammelt, die ebenfalls in der Kreismitte ausgebreitet werden soll. Damit wollte ich die Kinder aktiv in die Gestaltung involvieren. Danach haben wir im Wald noch ein simples Baumfangis gemacht, um Spannung abzubauen. Erst danach sind wir zurück ins Klassenzimmer. Dort haben wir eine kleine von mir geleitete Yoga-Session durchgeführt, die Teile von der Audio-Datei aufnahm. So haben die Kinder sich zum Beispiel gegenseitig mit ihren Fingerspitzen (sinnbildlich) Wasser auf den Rücken getröpfelt – da Regen auch in der Audio-Datei vorkommt. Erst danach liegen die Kinder hin. Es gibt eine Regel: nicht absichtlich stören. Ich mache deutlich, dass die Teilnahme freiwillig ist, so dass es den Kinder nicht als ein Muss erscheint, wie schon vieles andere in der Schule. Nach dem Audio, das knapp 5 Minuten dauert, dürfen die Kinder sich Zeichnungsmaterial schnappen für die kreative Verarbeitung (Ich habe A6-Zeichnungsblätter und Neocolor parat) und frei zeichnen. Ich rege an, den Baum zu zeichnen, den sie in ihrer Fantasie gesehen haben. Am Schluss tauschen wir aus und atmen gemeinsam noch ein paarmal tief ein. Danach ist Pause und es geht mit dem Unterricht weiter.

  • Grundsätzlich sieht der Ablauf immer ähnlich aus. Das Baumfangis war erst nur für die Einstiegssession gedacht, doch die Kinder lieben es und schaffen es danach viel besser, sich zu entspannen, weshalb ich es jetzt eigentlich immer mache. Es ist eigentlich auch logisch: Die meisten Kinder haben so viel Energie oder oft auch Anspannung, dass sie nicht einfach hinliegen und entspannen können. Das geht uns Erwachsenen ja oft ähnlich. Mir persönlich fällt es auch viel einfacher, mich zu entspannen, nachdem ich eine Session Sport hinter mir hatte. Das führt dazu, dass wir meistens eine Lektion für alles benötigen, was vielleicht als viel erscheint. Doch die Zeit holen wir locker wiedr rein denn:

Was ich erlebt habe:

  • Die Kinder fragen nach der Entspannung. Sehen sie die Yogamatten auf dem Boden liegen, freuen sie sich sicht- und hörbar.

  • Die Stimmung ähnelt vor der Entspannung oft einem Sturm im Wasserglas. Nach der Entspannung hat sich der Schnee gesenkt und die kristallklare Landschaft – Ruhe im Klassenzimmer – kommt hervor. Die Kinder sprechen weniger, ruhiger und gehen freundlicher miteinander um.

  • Ein paar konkrete Beispiele: Sandro, dessen einzige Tätigkeit zuhause das Videogamen zu sein scheint (sorry Eltern, ich weiss nicht, ob das wirklich stimmt, aber es hört sich zumindest so an), hatte anfangs grosse Mühe mit der Übung. In der Audio-Datei werden die Kinder angeregt, sich ihren eigenen Fantasiebaum vorzustellen. Während einige danach beschrieben, welche Blätter und Früchte sie vor ihrem inneren Auge gesehen hatten, streckte er auf und fragte, wo sie das denn genau gesehen hätten… In der Folge bemalte er sein A6-Blatt jeweils mit viel Schwung voller schwarzer Neocolorstrichen – wie ein schwarzer Bildschirm halt. Nach der dritten Durchführung sah er tatsächlich einen roten Apfel. Für mich ein riesiges Erfolgserlebnis :-).

  • In der Weiterbildung hat mir Eliane erzählt, dass Kinder anders als Erwachsene oft blitzschnell aus der Entspannung auftauchen und sich der kreativen Verarbeitung zuwenden. Deshalb war ich ziemlich überrascht, als Nirin und Dante liegen blieben. Und liegen blieben. Und liegen blieben. Gerade bei denen zwei Kindern hatte ich oft den Eindruck, dass sie einfach unheimlich viel Energie haben, die rausmuss. Nun mit der Entspannung merke ich aber, dass es sich vielleicht gar nicht um Energie sondern um Anspannung handelt und erst das zur Ruhe kommen ihnen ermöglicht, wieder zu sich zu kommen.

  • Bei Nirin habe ich den positiven Effekt am direktesten berobachtet: Er, der sonst keine zwei Matheaufgaben am Stück lösen kann, ohne dass ich nebendran sitze, hat eine halbe Stunde lang an seinem Matheheft gearbeitet – praktisch fehlerfrei. Und dies am Nachmittag, wann die meisten «normalenx» Kinder oft schon keine Puste mehr haben.

Das Wundermittel gefunden?

Ja und Nein. Unterrichten ist für mich immer noch unglaublich komplex: Es beinhaltet mit den vielen verschiedenen Kindern, dem Schulstoff, den Eltern, den Anforderungen der Schule selbst und mir als Person, der es nicht immer gleich geht, so viele Faktoren, die sich manchmal fast nicht unter einen Hut bringen lassen. Immer wieder wächst es mir über den Kopf, oft auch aufgrund meiner eigenen Anforderungen an mich. Für mich ist es aber wirklich erstaunlich, was die oben beschriebenen Übungen bewirken. Die Kinder müssen im Annäherungsmodus sein, ausgeglichen und entspannt, damit sie überhaupt bereit sind, Schulstoff aufzunehmen. Die Übungen sind ein Mittel, wie ich das erreichen kann. Und das grenzt für mich schon ein wenig an ein Wunder.

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