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Tagebuch einer Lehrerin

Darüber, was diesen wunderschönen Beruf so schwierig macht

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100% Arbeit, 60% Lohn

Posted on January 18, 2023 by Frau K.

Zugegeben, der Titel dieses Beitrags ist etwas plakativ. Vielleicht sind es nicht immer 100 Prozent, die ich arbeite, aber ungefähr 80 Prozent kommen hin. Der Lohn bleibt natürlich bei 60 Prozent. 

Dass mir das passierte, überraschte mich. Ich würde mich als effizient bezeichnen, als jemanden, der Prioritäten setzen kann. Und nicht unbedingt als Workaholic. Eine gute “Work-Life-Balance” war mir immer wichtig. Während meine Journi-Kollegen in meinem vorherigen Job auch am Wochenende noch fleissig die Webseite unseres Medienunternehmens checkten, ging ich offline und genoss meine freie Zeit. 

So sah ich mir also erstaunt dabei zu, wie ich anfing, Elterngespräche für den Samstagnachmittag abzumachen, weil die Eltern Schicht arbeiteten und sonst einfach keine Zeit hatten. Oder um 7 Uhr morgens in der Schule stand – bis abends um 7. Oder am Sonntag noch das neue Lied einübte, das ich mit den Schüler*innen am nächsten Tag singen wollte. Das besagte Elterngespräch musste ich dann übrigens prompt absagen, weil ich mit 40 Grad Fieber im Bett lag. Was mich natürlich nicht davon abhielt, mit dem Vater noch ein 30-minütiges Telefongespräch über seine Tochter zu führen. 

Was passierte da gerade mit mir? Das Wort “passieren” trifft es wohl irgendwie gut, denn ich fühlte mich wie ein Rädchen einer riesigen Maschinerie, die lief und lief und mich einfach mitdrehte. 

Die verschiedenen Zahnräder, die die Maschinerie antreiben: ein unglaublich hoher administrativer Aufwand. Statt mich auf die Vorbereitung fokussieren zu können, arbeitete ich nach dem Unterricht oft nur administrative To-Dos ab, die die Schulleitung in ihren wöchentlichen Mails kommunizierte. Besonders krass fiel mir dies auf, bevor ich die Stelle überhaupt antrat (und für diese Arbeit übrigens nicht bezahlt wurde): So viele Formulare und Briefe mussten den Eltern zugeschickt werden. Dabei erstaunte mich: Statt beispielsweise schulübergreifende Formulare für die Erfassung der Daten zur Verfügung zu haben, kreiert jede Lehrperson ihre eigenen Vorlagen. So fühlte ich mich oft wie eine Sekretärin, die ich übrigens nie hatte werden wollen. Dazu kommen zahlreiche unnötige Sitzungen und als Weiterbildung getarnte Anlässe, die schliesslich einfach noch mehr Arbeit generieren (weil zum Beispiel die Behörde die wahnsinnig tolle Idee hatte, dass alle Schüler*innen nun noch einen sogenannten “Portfolio-Ordner” brauchen, der nach ganz genauen Vorgaben erstellt werden musste – selbstverständlich von der Lehrperson). 

Immer wieder hört man in den Medien von den anspruchsvoller gewordenen Eltern, ein weiteres Zahnrad. Natürlich kann man nicht alle über einen Kamm scheeren. In meiner Klasse gibt es mehrere sehr verständnisvolle, tolle Eltern, mit denen es angenehm ist, zusammenzuarbeiten. Doch immer wieder ist der Elternkontakt auch sehr unangenehm und unglaublich fordernd.

Ein Beispiel: Eine Mutter verweigerte die Zusammenarbeit mit uns und drohte, ihren Sohn aus unserer Klasse zu nehmen (nur zu, dachten wir), weil sie mit unserem  Belohnungs- und Bestrafungssystem nicht einverstanden war. Über Sinn und Unsinn solcher Systeme lässt sich durchaus diskutieren. Wir waren nach einigem Ausprobieren zu dem Schluss gekommen, dass wir eines einführen wollten, weil eine gute, liebevolle Beziehung zu den Schüler*innen leider nicht reichte, die wilde Klasse zu bändigen. Besagte Mutter sagte ihrem Sohn jeweils, dass er absolut nichts falsch machte und wir böse seien, wenn er einen Brief nach Hause bekam. Das Verhalten des Sohnes, das uns und die anderen Kinder immer wieder an die Grenzen brachte, änderte sich damit erwartungsgemäss natürlich nicht. Die Mutter nahm ihn dann prompt aus der Klasse und zog zwar nicht wie angekündigt nach Afrika, wo alles besser sei, sondern ein paar Strassen weiter in einen anderen Schulkreis. 

Damit wurde aber nicht alles besser, denn dieser Schüler war nur einer von vielen auffälligen. Ein weiteres Zahnrad sind sicher die Kinder mit ihren unglaublich unterschiedlichen Niveaus, Bedürfnissen und Anforderungen an Sonderbedarf. Ein so grosses Thema, das ich es eventuell in einem anderem Beitrag genauer beschreiben werde. 

Damit eine Maschine gut läuft, muss sie regelmässig geölt werden. Übertragen auf den Arbeitsalltag wäre das Öl die Wertschätzung, die Arbeitnehmer benötigen, um motiviert weitermachen zu können – und zu wollen. Ich fühle mich aber als Lehrerin oft so, dass ich unglaublich viel leiste, ohne dass es gesehen wird. Im Gegenteil: In der Öffentlichkeit herrscht teilweise die Meinung, dass Lehrer*innen einfach unglaublich viel motzen und vonseiten den Eltern hören wir meist nur dann, wenn sie unzufrieden sind. 

Auch der Lohn ist eine Form von Wertschätzung. Trotz des “guten Lehrer-Lohns” habe ich aber noch nie so wenig verdient wie jetzt. Weil ich es im Gegenzug zu vorhin nicht schaffe, Vollzeit zu arbeiten. 60 Prozent, das geht gerade so. Und damit bin ich nicht alleine: Laut dem Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands arbeiten nur gerade 20 Prozent aller Lehrpersonen noch Vollzeit. Böse Zungen behaupten, der Grund dafür sei, dass Lehrer*innen sich dies dank dem guten Lohn auch leisten könnten. Mein Partner ist Programmierer, verdient fast doppelt so viel wie ich – und arbeitet trotzdem 100 Prozent. Weil es in seinem Arbeitsalltag genügend Luft hat. Die fehlt mir aber oft. Der Grund, wieso ich trotzdem noch ein Teil der Maschinerie bin, ist das letzte Zahnrad: Die Sinnhaftigkeit. Immer wieder gehe ich trotz Müdigkeit und Überforderung gerne arbeiten und finde zwischendurch sogar, dass ich den schönsten Beruf habe, den es überhaupt gibt.

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