Ich sass mit meiner Stellenpartnerin im Tibits, als ich nach dem Apfelkuchen in Tränen ausbrach. Es lag natürlich nicht am Apfelkuchen. Vielmehr bahnte sich die Erschöpfung, die sich in den vergangenen Monaten aufgebaut hatte, endlich ihren Weg nach draussen.
Dabei hatte ich doch ein sehr niedriges Pensum gewählt für meine erste Stelle nach dem Studium: 63 Prozent. Damit, so war ich überzeugt, sollte ich noch genügend Zeit für Erholung haben. Denn noch nie zuvor hatte ich so wenig gearbeitet. Ich erwartete also ein relativ lockeres Jahr und rechnete damit, später aufstocken zu können, um die mageren Studienjahre finanziell wieder aufzuholen.
Stattdessen sass ich nach einigen Monaten weinend über meinem Apfelkuchen. Was war passiert? Grob gesagt könnte ich wohl einfach sagen: Es ist verdammt hart, als Lehrperson zu arbeiten. Es ist das Strengste, das ich (neben der Geburt meiner Tochter) je gemacht habe. Und dabei dachte ich, relativ abgehärtet zu sein vom Leben, noch dazu gut organisiert und effizient – was könnte da schon schiefgehen?
Vieles, wie sich herausstellte. Es fing schon im Februar an, Monate bevor ich überhaupt offiziell angestellt – und bezahlt – wurde. Wir, meine Stellenpartnerin und ich, mussten die neuen Eltern (wir übernahmen eine erste Klasse) über alles informieren. Mehrere Nachmittage verbrachten wir damit, gemäss einer unausgegorenen Checkliste alle Informationen zusammenzusuchen und in Briefe zu verpacken. Danach hatten die Eltern unsere Kontaktdaten und nutzten diese, um Fragen zu stellen. Auch diese beantworteten wir, ebenfalls weiter unentgeltlich. Dann sollten wir uns noch den neuen Kindern vorstellen. In unserem Fall hiess das, alle sieben Kindergärten zu besuchen, auf die sie verteilt waren. Und die Arbeit vor der Arbeit war noch nicht fertig: Uns wurde nämlich ein neues Schulzimmer zugeteilt in einem Pavillon (der übrigens im Winter zu kalt, im Sommer zu warm und bei Wind zu laut ist). Das Zimmer war leer. Wir mussten uns also durch gefühlte Tausende von Listen mit Schulmaterial wühlen und in Ikea, Migros, Coop und zahlreichen Brockenhäusern (kleines Budget) den Rest zusammensuchen. Das Geld, das wir dafür selbst vorschiessen mussten, erhielten wir erst Monate später wieder.
Und dann galt es natürlich noch den Unterricht selbst vorzubereiten. Grossen Fokus legten wir auf den ersten Schultag, schliesslich sollten Kinder und Eltern einen guten ersten Eindruck erhalten. Wir überlegten uns Kennenlernspiele, erste kleine Mathematikübungen und Sprachspiele, die die Neugierde der Schüler*innen wecken sollten und stimmten unsere Fächer und Lektionen für das erste Quintal aufeinander ab, damit sie gemäss Lehrplan 21 möglichst fächerübergreifend und handlungsorientiert waren. So, wie wir es gelernt hatten.
Als der erste Schultag dann endlich kam, waren wir also schon ziemlich erledigt.
Ganz leise und schüchtern schlichen die Kinder dann mit ihren Eltern am Montagmorgen in unser Zimmer. Wir wollten als erstes den “Gong” einführen, eine Klangschale, die wir betätigen, wenn die Kinder ihre Tätigkeit unterbrechen, ruhig sein und uns anschauen sollen. Das “Ruhezeichen” war aber gar nicht nätigt: Die Kinder waren mucksmäuschenstill. Das sollte sich schnell ändern.
Im Verlaufe der nächsten Wochen zeigten sich die einzelnen Persönlichkeiten, die im Verhältnis zu den kleinen Kindern schon ziemlich gross waren. Wir hatten nur 17 Schüler*innen, doch darunter befanden sich gleich mehrere “Verhaltensoriginelle”, wie sie in der Ausbildung liebevoll genannt wurden. Zum Beispiel Otto*, der alles langweilig fand, sich völlig aus dem Nichts verweigerte und einmal mitten auf der Strasse auf einem Ausflug stehen blieb. Oder Ulrich, der ununterbrochen schwatzte. Oder Xander, der seine Aggressionen nicht kontrollieren konnte und fast jede Pause jemanden, oft auch sich selbst, zum Weinen brachte. Oder Milena, die gerne ihre eigenen Regeln aufstellte und in Tränen ausbrach, wenn wir ihr etwas verboten.
Und dann waren da auch noch die weniger lauten, die unsere Aufmerksamkeit auf andere Weise brauchten. Norbert zum Beispiel sprach nicht und lief aus dem Zimmer, wenn er etwas nicht verstand, was fast ständig der Fall war. Gregor konnten wir einfach nicht vermitteln, dass nach der 1 die 2 und nach der 2 die 3 kommt. Gleichzeitig hatten wir Alexa in der Klasse, die schon lesen und schreiben konnte und auch beschäftigt und gefördert werden wollte.
Einiges davon hat man als Lehrperson wohl in jeder Klasse. In unserer hatte sich einfach ziemlich viel auf einmal zusammengeballt, sie galt als “schwierige Klasse”. Und doch sind viele der oben beschriebenen Situationen relativ normal in heutigen Primarschulen. Mich haben sie zusammen mit der fehlenden Unterstützung an den Rand der Erschöpfung getrieben.
Die Schulleitung liess sich wenig sehen, nicht, weil sie nicht wollte, sondern weil sie selber am Limit war. Unsere Fachbegleitung war ebenfalls kurz vor dem Burnout. Und unser Heilpädagoge, der zuständig wäre für Fälle wie Gregor, der einfach nicht zählen lernte, oder Alexa, die überdurchschnittlich weit war, konnte fachlich nicht viel beisteuern. Kein Wunder, hatte er nicht nur keine Ausbildung als Heilpädagoge, sondern noch nie in der Unterstufe unterrichtet.
Dies alles führte also zu der Apfelkuchen-Situation. Trotz Erschöpfung kämpfte ich danach aber noch ein paar Wochen weiter, bis es wirklich nicht mehr ging. Es brauchte sehr viel Überwindung, mir einzugestehen, dass ich eine Pause brauchte. Es fühlte sich wie ein Versagen an und war unangehmen und ich fragte mich die ganze Zeit: “Wieso schaffe ich das einfach nicht?”.
Die Pause tat mir gut, ich verbrachte zwei Monate damit, viel zu schlafen, wenig zu tun und einiges aufzuarbeiten. Danach kehrte ich zurück in die Klasse, erst mit einem unguten Gefühl, dann mit einem immer besseren. Ich kam besser mit den Anforderungen klar, doch streng fand ich es immer noch und immer wieder einmal kam ich an mein Limit.
Diese Situation ist nun über ein Jahr her und im Moment arbeite ich tatsächlich sehr gerne. Doch einiges hat sich geändert: Ich habe eine Tochter bekommen, arbeite weniger und habe mich verändert. Und auch im Aussen hat sich etwas geändert und dazu geführt hat, dass ich meine Arbeit teilweise sogar richtig schön finde: Otto ist nicht mehr in unserer Klasse. Kein Witz. Nächste Woche mehr dazu.
*Alle Namen wurden geändert, das Geschlechterverhältnis stimmt jedoch: Es sind tatsächlich meist die Jungs, die “schwierig” sind – ein anderes Thema.