Ich liebe es, Ratgeber-Kolumnen und Selbsthilfebücher zu lesen. Immer wieder neu möchte ich mich der Illusion ergeben, dass jemand mir sagen kann, wie ich es “richtig” oder besser machen kann. Während der Lektüre schwelge ich in der Idealvorstellung meiner Selbst, die ich bis zum nächsten Streit mit meinem Partner/meiner Mama/… usw. aufrecht erhalten kann.
Deshalb habe ich beschlossen, nun jetzt auch einmal einen kleinen Ratgeber zu schreiben und zwar zum Thema Eltern – beziehungsweise schwierige Eltern. Angestossen wurde die Idee von der E-Mail eines Vaters, die mir meinen freien Tag letzte Woche so richtig vermiest hatte. Sie kam, nachdem wir den Kindern das Zeugnis verteilt hatten:

Ja, was denkst du dazu, wenn du das liest? Da du nicht betroffen bist, kannst du vielleicht über die Nachricht lachen.
Bei mir hat sie im ersten Moment einmal einen kleinen Schock und leichte Panik ausgelöst. Gleich versuche ich mich zu beruhigen und kann zum Glück auf das wertvolle Wissen meiner Selbsthilfebücher zurückgreifen: Ich denke da an einen der Stressratgeber, der davon sprach, dass unser Sympathikus aktiviert wird, wenn wir angegriffen werden, und dies körperliche Symptome auslöst. Es ist also ganz normal, dass mein Herz erstmal ein wenig schneller schlägt. Schliesslich wurde ich von einem Säbelzahnvater angegriffen!
Mein innerer Hitzkopf will sogleich in die Tasten greifen und eine gesalzene Antwort zurückschreiben. Doch erneut kann ich auf weise Ratschläge zurückgreifen, die mir von meiner Therpeutin, meinem ehemaligen Chefredaktor und zuletzt einem guten Freund eingetrichtert wurden: «Warte erst ein bisschen, bevor du reagierst.» Der Freund hat das neulich so ausgedrückt:
«Im ersten Moment erscheint alles viel schlimmer als es ist, nach einigen Stunden oder Tagen sieht die Welt wieder anders aus.»
So also tat ich – erst einmal nichts. Und fragte das Internet, wie man mit schwierigen Eltern umgeht. Folgender Artikel aus Deutschland erschien mir sehr hilfreich. Gleich der Einstieg passt perfekt zu meiner Situation, es heisst dort:
«Viele Eltern haben das Gefühl, sie müssten ihr Kind vor den Gefahren dieser Welt beschützen – egal, ob dieser Schutz notwendig ist oder nicht. Eine Vier in der Mathearbeit oder in einer Gruppe einmal nicht mitspielen zu dürfen, sind natürlich objektiv betrachtet keine bedrohlichen Ereignisse. Wenn Eltern sich jedoch unsicher fühlen und zu wenig in die Lern- und Problemlösefähigkeiten ihres Kindes vertrauen, können sie ihren Kindern und den Herausforderungen des Lebens nicht mit der nötigen Gelassenheit begegnen.»
nds – die Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft
Immer klarer wird mir also, dass dieser Vater gegen uns – die Säbelzahnlehrerinnen – kämpft, weil er total unsicher ist. Seine Nachricht sagt ja im Prinzip so vieles aus: Er selbst scheint schwierige Erfahrungen gemacht zu haben, er hilft seinem Sohn unglaublich viel (was auch an den perfekten Hausaufgaben zu erkennen ist) und nun hat all diese Mühe nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt. All dies war mir zuvor nicht klar und löst nun statt Ärger viel Mitgefühl aus.
Eine Heilige bin ich aber nicht, der respektlose Ton macht mich trotzdem wütend. Zudem kann besagter Sohnemann bei weitem keine fehlerfreien Texte schreiben und sein Sozialverhalten lässt ebenso zu wünschen übrig – ist ja klar bei dem Vorbild! (Auf meiner ganz persönlichen Otto-Skala wäre er übrigens ungefähr bei 7 von 10 Punkten).
Aber auch wenn es wahr ist, mein weises inneres Ich weiss, dass es nichts bringt, dies dem Vater an den Kopf zu werfen. Im Artikel heisst es dazu:
«Respektloses Verhalten von Eltern legitimiert nicht, dass Lehrkräfte sich ebenfalls respektlos verhalten.»
Und so beisse ich also auf meine Säbelzahnzähne und höre auf meine weise Stellenpartnerin, die weniger Hitzkopf ist als ich. Nach einem Tag Wartefrist schreiben wir folgende Antwort zurück:

Mehrere Tage sind vergangen und wir hören nichts. Mein Herzschlag hat sich nun komplett beruhigt und ich sehe einem allfälligen Gespräch gelassen entgegen. Und da kommt dann auch die Antwort:

Auch er scheint sich beruhigt zu haben, reicht der Anstand nun doch wieder für Gruss- und Schlussformel. Und es kommt sogar eine Entschuldigung – wenn auch nicht für das, wofür er sich eigentlich entschuldigen sollte. Mal schauen, wie das Gespräch wird. Ich werde im nächsten Newsletter darüber berichten 🙂
Und für die, die noch auf den finalen Ratschlag halten zum richtigen Umgang mit Eltern: Kill them – with kindness.