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Tagebuch einer Lehrerin

Darüber, was diesen wunderschönen Beruf so schwierig macht

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Der schönste Beruf überhaupt

Posted on February 14, 2023February 14, 2023 by Frau K.

Ich habe es meiner Freundin, die meine Texte gegenliest und eine notorische Optimistin ist, versprochen: Heute werde ich über die positiven Seiten des Berufs schreiben. Denn es ist ja so: Ich würde gar nicht so viel motzen, wenn der Beruf nicht so schön wäre. Es tut mir im Herzen weh, dass dieser wert- und sinnvolle Beruf so in Mitleidenschaft gezogen wird. 

Ganz so leicht fällt mir das gerade nicht. Gestern habe ich nämlich meine Klasse wie versprochen aus dem Mutterschafts”urlaub” besucht*. Und da hat sich genau das gezeigt, was mich so traurig macht: Dass die schöne Seite dieses Berufs manchmal vom anstrengenden Rundherum überschattet wird: Die Kinder haben sich gefreut und waren überstellig wie eh und je. Die Lehrpersonen, mit denen ich gesprochen habe, konnten hingegen keine Begeisterung aufbringen. Meine Stellenpartnerin: Total am Anschlag. Sie arbeite von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends und komme trotzdem fast nicht zum Vorbereiten. Ihr Pensum: 60 Prozent… Der Schulleiter: hat mal wieder meinen Namen vergessen (ist auch schwierig bei so vielen Lehrpersonen, die an seinem Schulhaus arbeiten – jetzt im Ernst) und bringt nur ein gequältes Lächeln zustande auf meine Frage, wie es ihm geht. Meine Fachbegleitung: Freut sich über das Baby, jedoch nicht über ihre teils nicht schulreifen Schüler, die ihr den letzten Nerv rauben. 

So jetzt aber zurück zu meinem Versprechen. Ich schliesse meine Augen, atme tief durch und da kommen die Bilder. Vor mir erscheinen die Freitagnachmittage, die ich in meinem vorherigen Klassenzug jeweils mit den «Löwen», der einen Halbklasse, verbracht habe. Auf dem Stundenplan stand das Fach Bildnerisches Gestalten, das früher ganz profan Zeichnen hiess. Ich hatte die Lektionen jeweils fein säuberlich vorbereitet – und änderte dann oft ganz spontan alles ab. Wieso das für mich ein positives Erlebnis war? Die Schüler*innen hatten oft viele Fragen und eigene Ideen. Indem ich darauf einging, gelang es mir an diesen Nachmittagen ganz oft, uns in einen zweistündigen «Flow» zu führen, nach dem wir dann alle glücklich nach Hause gingen (inklusive mir, wenn auch erst nach zwei Stunden korrigieren). 

Ich liebe es, wenn ich beim Unterrichten den Kopf ausschalten und ganz auf meine Intuition hören kann, wenn das Lernen dann ganz mühelos und mit Freude einfach so «passiert». Ein Beispiel: Anhand des Bilderbuches «Die Farbenkinder» näherten wir uns dem Thema Farben und Farbkreis. Die Kinder sollten einen eigenen Kreis bestehend aus vier Farben erstellen, indem sie aus dem Klassenzimmer verschiedene Gegenstände in der jeweiligen Farbe nach vorne brachten und in einem Kreis anordneten. Es gelang überhaupt nicht so, wie ich mir das vorgestellt hat. Es war laut, die Kinder stritten und der Kreis war von einem ästhetischen Objekt weit entfernt. Was sollte ich tun? Lange überlegen kann man in solchen Situationen jeweils nicht. Deshalb habe ich angefangen, auf meine Intuition zurückzugreifen, die oft schneller und besser ist als meine Gedanken, und genau das kreiert manchmal eine fast magische Atmosphäre. Mal schauen, ob es mir hier auch gelingen würde. 

Ich griff auf den «Trick 77»** zurück, gab den Ball zurück an die Kinder und fragte: «Wie fandet ihr, habt ihr das gemacht?». Die Selbsterkenntnis kam sofort. Die siebenjährige L. formulierte es so: «Ich fand, das war etwas chaotisch und ich habe mich dabei nicht so wohl gefühlt.» Zehn kleine Händchen hoben sich mit einem verzagten Lächeln in die Höhe, als ich wissen wollte, wer dem zustimmte. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie gut einige Kinder ihre Bedürfnisse formulieren können udn wie erhlich sie oft sind.

Nächste Frage: «Wie können wir das besser machen?». Betretenes Schweigen. Schliesslich sind es immer noch 7-Jährige. Ich hörte in mich hinein und schlug vor: «Würde es vielleicht helfen, wenn wir in den Gruppen verschiedene Rollen verteilten und zum Beispiel je eine Gruppenchefin*** hätten, die das Ganze koordiniert und für eine schöne Anordnung im Kreis zuständig ist?». Die Kinder nickten. Dann sprachen wir noch über die Ästhetik und waren uns einig, dass der Kreis ansprechender aussehen würde, wenn die jeweiligen Farben sauber voneinander getrennt wären und die Gegenstände den Boden flächig abdeckten. 

Gemeinsam stellten wir alle Gegenstände wieder an ihren Platz zurück und begannen von vorne. Gleiche Aufgabe, komplett andere Stimmung: In (leiser) Eintracht machten sich die vier Gruppen an die Arbeit. Dieses Mal war es ein Miteinander und das Ergebnis liess sich sehen. Dann läutete es in die Pause. «Was, schon eine Stunde um?», fragen mich die Schüler ganz entsetzt. Ganz mühelos hatten wir uns nicht nur ästhetische Prinzipien angeeignet, sondern auch die sogenannt überfachlichen Kompetenzen des Lehrplan 21 trainiert. Genau so sollte es sein. Die Schüler*innen hatten Spass und auch ich ging zufrieden und voller Energie in mein Wochenende. 


Nachtrag:

*Zum Mutterschaftsurlaub: Ein blödes Wort, finde ich. Als Urlaub würde ich meine Zeit mit dem Baby nun nicht gerade bezeichnen, auch wenn wir manchmal an der Sonne spazieren gehen… Bei meinem Partner nennt das die Firma «Baby-Bonding-Leave» und ist gleich lang für Väter wie Mütter. 
**Ich hasse es übrigens, wenn das jemand bei mir macht und mir, statt wie gewünscht seine Meinung zu sagen mich fragt, was ich darüber denke. Bei den Kindern funktioniert diese Technik aber super 🙂
***Ganz bewusst wechsle ich männliche und weibliche Bezeichnungen von Rollen oder Berufsgruppen ab und habe in diesem Fall von Chefinnen gesprochen. 


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