Seit einigen Wochen stehe ich nach meinem Mutterschaftsurlaub wieder im Klassenzimmer. Einiges hat sich drastisch verändert: Mein Kind ist da – und Otto ist weg. Beide Faktoren tragen massgeblich dazu bei, dass ich mich wohler fühle und im Moment richtig gerne arbeiten gehe.
In diesem Beitrag möchte ich mich auf Otto konzentrieren. Wer meinen letzten Artikel über mein Burnout gelesen hat, kann sich vielleicht noch an ihn erinnern. Er war einer der vielen schwierigen Schüler*innen meiner Klasse. Es gibt verschiedene Ausprägungen von “schwierig”. Zusammenfassend lässt sich wohl sagen, dass diese Schüler*innen mehr Mühe haben als andere, sich an die Regeln zu halten und häufiger in Streits, auch Handgreiflichkeiten, involviert sind bzw. diese auslösen.
Ein Otto in jeder Klasse
Ich hatte bereits in meiner vorherigen Klasse einen Otto, es gibt sie wohl in den meisten. Doch dieser Otto, der hatte es echt in sich. In einem Moment war alles gut, im nächsten huschte ein ärgerlicher Blick durch seine Augen und ich wusste: Von jetzt an geht nichts mehr. Er verweigerte sich, verschränkte seine Arme und war nicht mehr ansprechbar. Ausgelöst wurde dies durch Anordnungen, die er nicht befolgen wollte. Zum Beispiel las ich ein Buch vor, die Schüler durften dabei zeichnen. Dann war die Stunde vorbei, die Kinder sollten aufräumen und nach Hause gehen. Otto passte es nicht, so blieb er einfach sitzen, während die anderen Kinder aufräumten und gingen.
Das klingt jetzt vermutlich nicht so krass, die einzelne Situation an sich ist es auch nicht und ich könnte Otto ja einfach sitzen lassen. Doch passiert das tagtäglich, löst das viel Stress aus. Und manchmal kann ich ihn nicht einfach stehen lassen, weil er in den Hort/nach Hause/in die Pause gehen muss. Zudem fingen die anderen Kinder an, es ihm abzuschauen. Plötzlich verweigerten sich auch Ulrich, Xander und Milena.
Was tut man in solch einer Situation? In der Ausbildung haben wir wenig dazu gelernt. Das Modul, in dem wir solche Themen bearbeiteten, mussten wir Studierende selber bestreiten, die Dozentin hielt es nämlich für das Beste (für sich?), wenn die Student*innen das Thema aufbereiteten und Vorträge darüber hielten.
In die Beziehung kommen
Der ultimative Tipp hiess stets: eine gute Beziehung aufzubauen. Denn, so die Theorie, sind die Schüler*innen in einer guten Beziehung zu den Lehrpersonen, wollen sie es uns recht machen. Grundsätzlich würde ich dem zustimmen, bei den meisten funktioniert es. Doch nicht bei Otto. Wir haben es versucht, wirklich. So offerierten wir ihm beispielsweise über mehrere Wochen eine sogenannte “Banking Time”, Zeit, die wir neben der Schule mit ihm verbrachten (natürlich unbezahlt). Wir bezogen ihn mit ein in die alltäglichen Aufgaben, so durfte er beim laminieren helfen, war in diesem Moment ganz stolz und hilfsbereit. Doch bei der nächsten Anordnung, die ihm nicht passte, folgte die Verweigerung.
Die Mutter
Was mich aber noch mehr belastete, war nicht Otto, sondern seine Mutter. Selbst eine Pädagogin wusste sie natürlich, wie wir am besten mit ihrem Sohn umgehen wollten. Einmal erzählte sie uns, was sie mit ihren schwierigen Schülern macht: Sie sperrt sie in einen dunklen Raum. Als ich Otto einmal aus purer Verzweiflung in unseren Gruppenraum verfrachtete und abschloss, weil er wie wild gegen die Tür trommelte, rief sie jedoch die Schulleitung an und verlangte, dass Otto die Klasse wechselt. Das wäre mir noch so recht gewesen, doch diese Möglichkeit wird praktisch nie in Betracht gezoge.
Dabei, so denke ich, wäre das oft das Beste für die ganze Klasse. Seit Otto weg ist (sie sind umgezogen), haben sich auch Ulrich, Xander und Milena beruhigt. Xanders Mutter sagte mir neulich, dass ihr Sohn wieder gerne zur Schule kommt. Ganz unprofessionell sagte ich ihr, dass es mir ebenso gehe. Die neugefundene Freude ist etwas getrübt durch die Tatsache, dass jederzeit wieder ein Otto kommen könnte. Ich hoffe, mein zukünftiges Ich wird der Situation dann besser gewachsen sein.