An Familientreffen habe ich mich immer aufgeregt. Denn eines der wiederkehrenden Gesprächsthemen in meiner Familie – meine Mutter ist Kindergärtnerin, meine Schwester Lehrerin – war, wie schlecht die Bedingungen im Lehrerberuf seien. Die Schulleitung habe keine Zeit und schon gar kein Einfühlungsvermögen, Kinder würden immer schwieriger und Eltern immer fordernder, die vielen Weiterbildungen seien total unnötig – und wehe, wenn ich dann die 13 Wochen Ferien erwähnte, die doch schon toll seien: “Das nennt sich unterrichtsfreie Zeit”, betonte meine Mutter jeweils mit leicht säuerlichem Gesichtsausdruck.
Ich war damals als Journalistin bei einer Zeitung angestellt. Meinen Lohn musste ich im Gegensatz zu meinen Verwandten hart verhandeln – und merkte dann, dass ich doch einiges weniger als meine männlichen Kollegen verdiente. Bevor man in die Ferien ging (4 Wochen, wohlgemerkt), musste man sich diese hart erarbeiten und Artikel vorproduzieren. Weiterbildungen gab es nie, dafür war schlicht kein Geld da. Und mit der sich rasant entwickelnden Digitalisierung hing das Damoklesschwert Kündigungswelle ständig drohend über uns. Ah und Teilzeit arbeiten, das war lange ein Unding. Erst nach einigen Jahren konnte ich auf 80 Prozent reduzieren, während meine Mutter seit vielen Jahren 50 Prozent arbeitete.
Vor diesem Hintergrund hatte ich also wenig Verständnis für das Gemotze meiner lieben Familienmitglieder. Ich hörte es mir mal mehr und mal weniger geduldig an. Wirklich ernst nahm ich es aber nie; vielmehr dachte ich, dass die zwei einfach keinen Vergleich mit der Privatwirtschaft haben und ihre behäbigen Behördenberufe deshalb nicht zu schätzen wissen. So hielten mich die Tiraden also nicht davon ab, mich beruflich nochmals neu zu orientieren und ebenfalls die Ausbildung als Lehrerin in Angriff zu nehmen. Es erschien mir attraktiv, im Quereinsteiger-Studium in nur zwei Jahren ein zweites Standbein aufzubauen, das mir einen stabilen Job mit relativ gutem Lohn und der Möglichkeit zur Teilzeitarbeit bietet. Doch natürlich ging es mir nicht nur darum: hauptsächlich erhoffte ich mir mehr Sinnhaftigkeit durch den Wechsel. Kinder zu unterrichten und zu fördern erschien mir dann doch etwas sinnvoller, statt im Sommerloch verzweifelt nach Geschichten zu suchen, die die leeren Zeitungsseiten füllen sollten.
Gesagt, getan.
Nach nur einem Jahr Ausbildung stand ich nach einer schlaflosen Nacht vor meiner ersten Klasse. Völlig überfordert und hoffend, dass man mir die Nervosität nicht allzu stark anmerkte. Tagelang hatte ich die ersten zwei Lektionen vorbereitet und war doch total unsicher. Denn vorbereitet fühlte ich mich nach diesem einen Jahr Ausbildung überhaupt nicht.
Natürlich gewann ich mit der Zeit an Sicherheit und Routine. Ich entwickelte gute, starke Beziehungen zu den Kindern und fing an, diesen Beruf zu lieben. Es gab jedoch einen Haken: Die 50 Prozent, die ich neben dem zweiten Ausbildungsjahr arbeitete, füllten meine Zeit komplett aus und fühlten sich teilweise wie 100 Prozent an – zusätzlich zur Ausbildung. Deshalb traute ich mir nach dem Abschluss auch keine Vollzeitstelle zu. Mit 63 Prozent startete ich als “ausgebildete” Lehrkraft. Der gute Lohn, den ich mir erhofft hatte, war damit nicht mehr so gut. Die Überforderung ging ebenfalls nicht wie erhofft weg, stattdessen fühlte ich mich immer wieder total am Limit und musste mich nach nur drei Monaten sogar krankschreiben lassen.
So ergab es sich, dass ich beim nächsten Familienfest am lautesten motzte. Leider. Denn irgendetwas stimmt mit diesem wunderschönen Beruf meiner Meinung nach tatsächlich so überhaupt nicht (mehr?). In diesem Blog versuche ich aufzuzeigen, an was das unter anderem liegen könnte. So dass wir Lehrer*innen vielleicht nicht mehr als motzende Zeitgenossen wahrgenommen werden, sondern als engagierte Berufsleute, die leider teilweise an den Bedingungen ihrer Arbeit verzweifeln oder gar scheitern.